Herzgeschichten

Geschichte des Monats

Der Winter, als Josy kam

Inhalt: Ellie kommt nicht über den Tod ihres Mannes hinweg. Monatelang vergräbt sie sich in Einsamkeit und Depression. Erst als sie eine verletzte Katze aufnimmt, findet sie neuen Lebensmut. 

Leseprobe: Erst sehr viel später begriff ich, dass Josys plötzliches Auftauchen das Wunder war, für das ich so lange gebetet hatte. Damals erkannte ich es nicht. Ich sah nur dieses verletzte kleine Wesen in der Wildfalle, eingeklemmt und wimmernd, draußen im Wald.
Ich gehe jeden Tag in den Wald. Das brauche ich. Sonst verliere ich den Verstand.

Als Henry vor zwei Jahren darauf bestand, dass wir an den Waldrand ziehen, hielt ich ihn für verrückt. Ein Umzug – in seinem Zustand! Es war Wahnsinn. Und doch tat ich es, obwohl mich seine lange Krankheitsgeschichte bereits an meine Grenzen gebracht hatte. Die unzähligen Krankenhausaufenthalte, das ständige Pendeln zwischen Hoffnung und Verzweiflung hatten mich ausgelaugt. Ich weiß bis heute nicht, woher ich immer wieder die Kraft nahm, weiterzumachen. Aber irgendwie ging es.

Hätte mir jemand vorher gesagt, dass ich all das durchstehen würde, hätte ich geantwortet: „Niemals.“ Und doch schaffte ich es. Wir schafften es. Gemeinsam.

Aber gerade als wir glaubten, er sei über den Berg, brachen seine Blutwerte ein. Die Ärzte gaben ihm nur noch wenige Wochen.

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Foto von Tuqa Nabi Uhn auf Unsplash


Neu und Unveröffentlicht

Die Herzen des Alten Mannes

Inhalt: Ein alter Mann kann sich nicht von den Fundstücken trennen, die ihn an seine gemeinsamen Ausflüge mit seinem Enkel erinnern.

Leseprobe: Mühsam schnaufend beugte sich der alte Mann nach unten. Mit zitternder Hand zog er den matt glänzenden Stein aus dem matschigen Boden. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, während er ihn mit der anderen Hand vom Dreck befreite und ihn von allen Seiten betrachtete. Er hatte doch richtig gesehen! Es war ein Herz, ein fast perfekt geformtes Herz mit zwei annähernd gleichgroßen, rundgeschliffenen Wangen, unten spitz zulaufend, aber dennoch nicht scharfkantig, sondern wohlgeformt und anschmiegsam. Er schloss die Faust, an deren Zittern er sich mittlerweile gewöhnt hatte, und spürte, wie sich in seiner Hand ein wohliges Gefühl ausbreitete.

„Opa, wem gehört das Herz?“, hörte er wie aus weiter Ferne die kindliche Stimme eines kleinen Jungen. Vor seinem inneren Auge tauchte das Bild seines Enkels Benjamin auf, der ihm einen herzförmigen Stein von enormen Ausmaß entgegen streckte und über das ganze Gesicht strahlte.

„Das Herz?“, hatte er damals verdutzt gefragt.

„Ich glaube, es gehört einem Riesen, der hier in den Wäldern wohnt“, plapperte sein Enkel munter weiter, während er den Stein gegen die Sonne hielt und ihn ehrfürchtig betrachtete.

„Riesen gibt es nicht“, hatte der alte Mann erwidern wollen. Doch dann sah er die Freude im Gesicht seines Enkels. Er hielt inne. Schließlich hörte er sich „ich vermute, ja“ sagen.

„Hast du ihn gesehen?“ Der Junge war ganz aufgeregt. „Bist du ihm schon mal begegnet?“

Als er seinem Enkel in die Augen blickte, entdeckte er dort Staunen und Faszination. Er hätte ihm zu gerne die Wahrheit gesagt. Dass es Riesen nicht gab, dass die Geschichten, die man Kindern erzählte von Weisen und Zauberern, von Zwergen und Elfen, Ammenmärchen waren. Doch er brachte es nicht übers Herz. Er war gerührt von der unvermittelten Freude seines Enkels, von seiner Fähigkeit über die Welt und ihre Erscheinungen zu staunen. Für ihn waren alltägliche Dinge noch immer Wunder. Er konnte ihm seine kindliche Naivität unmöglich nehmen. Irgendwann würde er ohnehin erwachsen werden, und dann würde er lernen, die Kausalität hinter den Dingen zu verstehen. Er würde lernen, dass es für alles eine nüchterne, rein wissenschaftliche Erklärung gab. Die Dinge würden ihren Reiz verlieren, das Leben seinen Zauber einbüßen. Er wollte nicht dafür verantwortlich sein. Der Junge war erst sechs. Was machte es schon, wenn er den Zauber noch für eine Zeitlang am Leben hielt?

Also nickte er bedächtig, während er: „Das will ich wohl meinen“, sagte. „Ich kenne ihn sogar sehr gut. Das Herz hat er verloren, weil er sich in eine wunderschöne Elfe verliebt hat.“

„Er hat sein Herz verloren?“, rief Benjamin entsetzt.

„Oh ja, und du hast es gefunden“, log der alte Mann weiter.

Die Augen des Jungen weiteten sich. „Dann geben wir es ihm zurück, Opa!“

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Foto von Jorg Karg auf Unsplash