Kapitel 1
Mein verlorenes Herz
Inhalt: Kerstin hat ihr Herz verloren. Dort, wo andere ihr physisches Herz haben, ist bei ihr ein Loch. Doch nicht nur das Organ fehlt. Nein, denn mit ihm scheint auch Kerstins Lebensfreude gegangen zu sein.
Leseprobe: Ich habe mein Herz verloren. Ja, Sie haben richtig gelesen! Irgendwann in der letzten Woche muss ich mein Herz verloren haben. Zuerst habe ich es nicht einmal gemerkt. Es hat eine ganze Weile gedauert. Und deshalb weiß ich nun auch nicht, wo ich suchen soll. Schöne Scheiße!
Aber eins ist sicher: Ich muss es unbedingt wieder finden. Es ist nämlich verdammt unangenehm ohne Herz zu leben. Das kann ich Ihnen sagen. Oder ist Ihnen das auch schon mal passiert? Ich meine, dass Sie Ihr Herz verloren haben? Okay, man liest das immer wieder mal. Aber das nimmt man doch nicht ernst! Das ist doch quasi eine Metapher, wenn sich einer verliebt und dann sein Herz verliert. Aber das ist nicht dasselbe, wie das, was mir passiert ist. Mein Herz ist tatsächlich komplett weg. Da, wo sein Platz war, ist es leer, komplett leer. Stellen Sie sich das einmal vor! Woher ich das weiß? Na ja, ganz einfach: Ich habe nachgesehen.
Ich hatte nämlich schon seit ein paar Tagen so ein komisches Gefühl. So, als ob ein Teil von mir fehlen würde. Ich wusste nur nicht, was es war. Das Leben ging ja ganz normal weiter. Ich habe meine Arbeit erledigt, Leute getroffen, Sport gemacht, alles wie immer. Aber irgendetwas stimmte nicht mit mir.
Eine leise Stimme im Hintergrund hat immer wieder gesagt: „Hallo, merkst du was? Fehlt dir nichts?“ Und da, von einem Augenblick zum anderen, da hat es mir gedämmert: Richtig! Ich habe keine Freude mehr! Ich habe gar keinen Spaß mehr an dem, was ich tue. Ich mache keine Pläne mehr für die Zukunft, ich arbeite nur noch ab, was gerade ansteht. Sonst habe ich mich immer über irgendetwas gefreut. Zum Beispiel über einen schönen Film im Kino oder wenn ich Sport gemacht oder nette Menschen getroffen habe oder über die Sonne oder sonst was. Ich konnte mich freuen! Und das geht jetzt nicht mehr. Es ist schlimm!
Wenn ich nur wüsste, wo ich suchen soll! Ich habe ja schon öfter Dinge verloren und auch wieder gefunden. Aber ich weiß eben nicht, ob es Sinn macht, zum Fundamt zu gehen? Was meinen Sie? Ich denke, dass es das Beste ist, einfach systematisch vorzugehen. Zum Glück habe ich meinen Verstand noch. Das habe ich gleich kontrolliert, nachdem ich das mit dem Herz gemerkt habe. Also, der Verstand, der ist sicher noch da. Man muss eben nutzen, was man hat. Also schön. Ich überlege. Wann hatte ich dieses blöde Ding denn noch ganz sicher? Also, wenn ich so zurück denke, würde ich sagen, auf der Feier von Simona. Das war letzten Samstag. Da haben wir getrunken und gelacht. Da war es ganz sicher noch da. Ich bin dann mit dem Fahrrad nach Hause geradelt. Möglicherweise habe ich es da verloren? Das wäre natürlich blöd. Dann müsste ich die ganze Strecke absuchen. Am besten fahre ich jetzt einfach mal zu Simona rüber und frage sie.

